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Nemo und der Sohn des Polyphem
1
"Wie heißt du?"
Der Kapitän, der gerade wortreich die Beute des letzten Raubzuges an die Mannschaft verteilte, fuhr herum. Er sah den Koloss, der sich vor ihm aufbäumte und abermals grollte:
"Ich fragte dich, wie du heißt?"
Während er sprach, fasste der Riese den Kapitän fest in sein eines Auge, das ihm mitten von der Stirn prangte.
Der Kapitän war nie um eine Antwort verlegen und sicher kein Feigling, denn er hatte schon so manches Abenteuer bestanden. Aber das einäugige Monstrum, das sich da vor ihm auftürmte, war so Furcht einflössend, dass er sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Scheu schaute er um sich und hob dabei fragend die Hände, als wollte er sagen: "Aber hier ist doch niemand."
"Gib Antwort", brüllte der Riese, "oder hat man dir keine Manieren beigebracht?"
Der nach Fäule stinkende Atem des Giganten fegte über die Seeleute hinweg wie ein Sturm, trieb sie noch tiefer hinein in die Höhle. Während beinahe die gesamte Mannschaft sich vor Ekel und Grausen übergeben musste, schrie der Kapitän, so laut er konnte: "Hier ist niemand!"
"Das ist aber ein komischer Name", wieherte der Riese, "doch mir soll es egal sein, verspeise ich eben einen Niemand."
Da sagte der Kapitän mit dem Mut der Verzweiflung:
"Auch wenn ich niemand bin, ich habe dir Geschenke mitgebracht."
2
Der Kapitän sah, dass seine Worte den Riesen neugierig gemacht hatten.
"Was will ein Wurm wie du mir schon schenken", erwiderte der Riese.
"Ich schenke dir Geschichten gegen die Einsamkeit und die Langeweile. Denn ich bin Nemo, der bedeutendste aller Geschichtenerzähler", stellte sich der Kapitän vor.
Nun wurde der Riese noch neugieriger. Zum einen lebte er allein auf seiner Insel und die Abende waren mitunter sehr lang, zum anderen hatte er schon von Nemo gehört, dem Schrecken der Lippen, wie viele ihn nannten. Wenn es sich bei dem Wurm da vor ihm tatsächlich um Nemo handelte, dann stand er vor dem berühmtesten und zugleich gefürchtetsten Mann seiner Zeit. Nemo hatte es zu Ruhm gebracht, indem er Worte von den Lippen stahl und aus diesen Worten dann Geschichten machte. Diese Geschichten verkaufte er auf allen Marktplätzen der Welt. So war er reich geworden, denn jeder, der kam, die Geschichten zu hören, musste dafür ein Goldstück ablegen. Keiner war sicher vor diesem Mann, der seit Jahren die Meere befuhr und ein Schiff nach dem anderen überfiel, um die Abenteuer, die sich die Seemänner erzählten, in seine Gewalt zu bringen. Dabei ging Nemo nicht so brutal vor wie andere Piraten, sondern mit List und Tücke. Deshalb nannte man ihn auch den Listenreichen. Meist lullte er sein Gegenüber ein, gab vor ein guter Zuhörer zu sein, und schwupp, war man die eigene Geschichte los und konnte sie sich tags darauf am Marktplatz anhören - gegen Bezahlung.
3
"Hat es dir die Worte verschlagen", fragte Nemo und grinste den Riesen an. Er sah, wie der Riese unschlüssig von einem Bein aufs andere trat. Staub wirbelte auf unter den Füßen des Giganten.
"Möchtest du mein Geschenk denn nicht annehmen? Deine Brüder, ja alle Giganten werden dich darum beneiden."
Der Riese kratzte sich hinterm Ohr, er überlegte: "Soll er mir doch erst die Geschichten erzählen, verspeisen kann ich ihn ja immer noch."
Da hörte er Nemo seufzen: "Also ich komme extra den weiten Weg übers Meer, um dich zu beschenken, und du freust dich nicht ein bisschen? Das macht mich sehr, sehr traurig."
Der Riese sah in die betrübten Augen des Kapitäns, ihm wurde ganz warm ums Herz und er sprach:
"Leg los! Aber nimm dich in Acht und versuche nicht, mich zu überlisten, ich fürchte mich vor niemand."
Da mussten der Kapitän und die gesamte Mannschaft lachen, und der Riese fiel ins Gelächter mit ein, prustete und grunzte, bis ihm der Wanst weh tat.
"Ihr seid lustige Kerlchen, ein spaßiges Menü. Ihr werdet mir noch den Bauch kitzeln, wenn ich euch erst verschlungen habe", griente der Riese und polterte: "Komm, überreich mir die Geschenke, erzähl!"
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