CW Bauer
 

 

 

 

 

editorische projekte

auf der zunge die schiffe...

eine Reise in 500 Gedichten

Die Einladung, aus dem gesamten Fundus der Weltliteratur jeden Tag ein Gedicht auszuwählen, es übers Internet, die Homepage der Wagner´schenBuchhandlung zu präsentieren, – ein paar eigene Zeilen von mir dazu, und diese lediglich als Aufforderung verstanden, mehr von dem zu lesen, wovon man, vom Poesievirus erst infiziert, ja ohnehin nie mehr genug bekommen kann, – das klang paradiesisch und wäre mir an sich schon ausreichend Anreiz gewesen... Paradiesisch, freilich, aber... Und argwöhnisch ja ohnehin, also: Wo lag der Hund ...? Weit davon entfernt, wirklich sagen zu können, geschweige denn zu wissen, was das ist, Poesie, und was sie ausmacht, und das wäre ja wohl die Voraussetzung für eine... Auswahl. Und überhaupt eine solche zu treffen und nach welchen Kriterien und Überhaupt zum Quadrat : Warum gerade ich? Gäbe es nicht bessere, befähigtere als mich? Eine ganze Liste mit Namen wüsste ich zu nennen! Der Begriff Auswählen – von einem Mundwinkel in den anderen geschoben, übern Gaumen gerollt, auf der Zunge zerschnalzt, doch selbst das half nichts, der Geschmack blieb immer derselbe: Auswählen, der Begriff führte, ob ich nun wollte oder nicht, un-weigerlich einen Hund an der Leine, einen Hund namens Beurteilen. Und bei meinem eher zurück-haltenden Umgang mit Vierbeinern nicht nur dieser Art – Kurzum, auswählen, beurteilen, das stünde mir, mit einem Blick auf die eigenen Arbeiten, nicht gut an, und das sind keine Devotionsformeln hier oder literarische Minderwertigkeitstopoi, aber beim bloßen Hinschauen auf die Namensliste jener, die die Geschichte der Poesie maßgeblich mitprägten und ausmachten, schienen mir Zweifel durchaus angebracht. Allerdings, der Reiz – enorm! Darüber hinaus die sich mir bietende Möglichkeit, einmal etwas für jene zu tun, die schon so viel für mich getan hat, die Lyrik nämlich, ihr täglich ein Forum zu verschaffen – ich nahm die Einladung an.

Den Tag zum Spieler zu machen und lediglich zu warten, welchen Trumpf er ausspielt, schien mir aber dann doch zu wenig, ich wollte also nicht, abgezockt von Beliebigkeiten im eigenen Auswahl-verfahren, ein Gedicht ans andere reihen. Und was lag demnach näher, als den Begriff Internet wörtlich zu nehmen, zumal er meine Gedanken geradewegs auf den Punkt zusteuerte, der für mich das auszudrücken vermag, was Poesie ganz sicher ist: ein World Wide Web, ein aus verschiedensten Traditionsfäden gesponnenes Netz, ein Flechtwerk aus Individualität und Anverwandlung, aus leisesten Anspielungen, unüberhörbarster Imitation.

Mit diesem Gewebe war für mich denn auch das Programm gefunden für ein Lyrikprojekt, das vom 1. Juli 2002 bis zum 30. Juni 2004 lief, mit andren Worten, ich machte mich – Naivität oder Größenwahn? – also auf den Weg, diese Fäden entlang Gedichte zu reihen, suchte nach Berührungs- und Knotenpunkten, nach Orten, wo Autoren miteinander korrespondieren, sei es durch direkte Bezüge auf das Werk eines anderen, sei es durch Übersetzungen oder – Anmaßung! – , wo ich schlicht annahm, sie täten es. Der Wunsch, dass jeder Dichter quasi seinen Dichter vorstellt, führte mich in die unterschiedlichsten geographischen wie zeitlichen Räume, liess mich an Bord der Poesie gehen und unterwegs sein von Joseph Brodskys Petersburg ins „Depressenburg“ des Robert Schindel und wieder retour und wieder von vorn und weiter zu Paul Celan, zu Cesare Pavese, zu Dagmar Leupold, zu Lord Byron, zu Heinz D. Heisl und Hans Arp, zu Louise Labé, Mario Luzi und Mirko Bonné, zu John Keats, Georg Trakl, zu Sabine Gruber, Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa und noch einmal zu Joseph Brodsky – da kann man nicht oft genug hin kommen! – von Brodsky zu Derek Walcott, zu Raoul Schrott, zu: „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“, zu Jorge Louis Borges. „Mögen andere sich mit den Seiten brüsten, die sie geschrieben haben, mich machen die stolz, die ich gelesen habe.“, schreibt Borges in einem seiner Gedichte, und ich weiss ganz genau, es ist dieses Diktum des von mir so sehr geschätzten Dichters, das ich gerne auch für mich – Naivität, Größenwahn? eher nur noch Anmaßung! –, für meine Arbeit und die tägliche Auswahl der Gedichte, für meinen Zugang zur literarischen aber auch außerliterarischen Welt geltend wissen will, denn es ist genau dieses Diktum, das mich immer, wie von dieser Stelle jetzt aus, all jene, die mich stolz machen und denen ich vieles zu verdanken haben, grüßen lässt mit einem...

 

... ahoi!!!

 

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